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Erfahrungsbericht: Stop The Bleeding mit Carsten Dombrowski

Aktualisiert: 9. Jan. 2022

Seminare in Krav-Maga-Schulen haben normalerweise den Sinn, eine bestimmte Gruppe von Techniken der Selbstverteidigung konzentriert und intensiv zu üben. Andere Seminare drehen sich um Techniken für Situationen, die sich im normalen Training nur schwer abbilden lassen, etwa die Selbstverteidigung im Auto, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Schwimmbad. Einige seltene Seminare beschäftigen sich jedoch auch mit Themen, die außerhalb des traditionellen Rahmens von Selbstverteidigungstraining liegen, aber trotzdem besonders wichtig sind.


Stop The Bleeding


Am Sonntag, den 14.11.2021, fand bei Impact Mannheim ein intensives Seminar zu einem besonders wichtigen Teil der 1. Hilfe statt. Der Referent: Carsten Dombrowski – Inhaber der Capsarius-Akademie für medizinisches Einsatztraining, ehemaliger Offizier der Bundeswehr, Ausbilder für militärisches wie auch ziviles Rettungswesen, Buchautor, Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Taktik+Medizin; ja, wir waren schon ein bisschen Stolz, ihn bei uns zu haben!

Das Thema: Stop The Bleeding – das Stoppen oder zumindest Minimieren lebensbedrohlicher Blutungen. (Wenn ich im weiteren Verlauf das "Minimieren" der Lesbarkeit halber meist weglasse, ist es fast immer trotzdem mitgemeint.)



Das Motto der Capsarius-Akademie ist "Medizin außerhalb der Komfortzone", trotzdem ging der Morgen erst mal mit einer Tasse Tee oder Kaffee los. Das Seminar begann mit einem theoretischen Abschnitt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und einem Abgleich der Erwartungen stellte der Referent die große Bedeutung von lebensbedrohlichen Blutungen in der 1. Hilfe vor.

Anhand von Statistiken, Erfahrungen und Anekdoten wurde das Thema verständlich, geradezu plastisch, gemacht.


Erste Hilfe

SICK und CABC

Dann begann der praktische Teil. Das eigentliche Thema, das Stoppen von Blutungen, wurde in das Vorgehen bei Auffinden eines Verletzten eingebaut. An zwei Akronymen festgemachte Abläufe wurden immer wieder trainiert, nicht nur durchgegangen und wiederholt, sondern tatsächlich unter Carstens wachsamen Auge an echten Trainingspartners ausgeführt. Der Ablauf der Erstorientierung folgte dem Merkwort SICK.

S – Scene Safety: Wie ist die allgemeine Situation? Ist es überhaupt sicher hier zu arbeiten? Muss ich etwas tun, um mir ein sicheres Arbeiten überhaupt zu ermöglichen?

I – Impression: Welchen ersten Eindruck habe ich?

C – Critical Bleeding: Sehe ich jetzt schon eine starke Blutung, die sofort versorgt werden muss?

K – Kinematik: Welche Kräfte haben auf den Verletzten vermutlich gewirkt? Und wenn ich das nicht feststellen kann, weiß das vielleicht ein Umstehender?

Die Beispiele waren dabei erstaunlich Lebensnah. Sehe ich im Wald einen gestürzten Mountain-Biker, muss ich annehmen, dass auf dem selben Weg noch andere Fahrer unterwegs seien könnten. Auch vorgestellte Autounfälle boten gute Gelegenheit, das Vorgehen im Kopf durchzuarbeiten. Dann ging es weiter mit der eigentlichen Behandlung, festgemacht am Schema CABC:

C – Cricial Bleeding: Noch einmal der selbe Begriff, aber diesmal wurde nach möglichen Verletzungen auch mit den Händen gesucht.

A – Airways: Sind die Atemwege frei?

B – Breathing: Atmet der Verletzte? In diesem Schritt wurde auch nach Verletzungen am Oberkörper gesucht.

C – Circulation: Hat er einen Puls? Dieser wurde sowohl am Hals, als auch am Handgelenk genommen, um zusätzliche Informationen zum Zustand des Verletzten zu bekommen.


In diesem zweiten Abschnitt war jeder Buchstabe mit einer Abfolge von Handgriffen und Bewegungen verbunden. Diese festgelegten Abläufe boten Handlungssicherheit. Standardisierte Äußerungen wie "Kein Blut – Keine Wunden" oder "Atemwege frei" boten zugleich eine Möglichkeit, eventuelle zusätzliche Helfer über die Situation zu informieren und trugen auch zur Beruhigung und Selbstversichung bei. Bei der Einführung jedes neuen Buchstaben wurde der bisherige Ablauf erneut trainiert, sodass die Handgriffe am Ende fast schon automatisch abliefen.

Mir waren die Akronyme und ihre Bedeutung, ebenso wie die damit verbundenen Arbeitsschritte, vorher schon bekannt, sie im Seminar mit Leben gefüllt zu sehen war allerdings nochmal eine völlig neue Erfahrung. Wieder mal zeigte sich: Bücher, Videos und Tutorials können echtes Training nicht ersetzen!


Neue Werkzeuge – Neue Methoden

In den letzten 20 Jahren wurden für die 1. Hilfe neue Mittel und Werkzeuge entwickelt, die sich (leider) (noch) nicht im klassischen 1. Hilfe-Kasten im Auto finden. Zwei davon wurden im folgenden vorgestellt und ihre Anwendung im folgenden trainiert: Tourniquets und sogenannte Emergency-Bandages, auch kurz "Israelis" genannt.

Als erstes stand das Tourniquet auf dem Programm. Es dient zum schnellen Stillen oder Minimieren starker Blutungen an den Extremitäten. Die Anlage folgte nach der einfachen Merkregel "hoch und eng". Dem Referenten ging es dabei vor allem darum, die Angst vor der Anlage des durchaus schmerzhaften und trotz mittlerweile Jahrzehnten positiver Erfahrung weiterhin skeptisch beäugten Tourniquets zu nehmen. Carsten war positiv davon überrascht, dass alle Anwesenden ohne weitere Aufforderung bereit waren, die Tourniquets richtig, d.h. wirklich fest und auch Schmerzen des Trainingspartners in Kauf nehmend, anzulegen. Das ist der Vorteil mit einer Gruppe zu trainieren, in der alle gewohnt sind, sich auch mal gegenseitig auf die Nase zu hauen!

Nach wiederholter Anlage sowohl bei uns selbst, als auch bei anderen, gingen wir weiter zu den „Israelis“. Auch hier wurde die Anlage an verschiedenen Stellen immer wieder geübt, weit mehr, als bei anderen Erste-Hilfe-Ausbildungen üblich.


Szenariotraining

Nach einer kurzen Mittagspause gingen wir zum nächsten Ausbildungsschritt über: Szenariotraining, auch ein Aspekt, der bei anderen Ausbildungen, wenn überhaupt, nur kursorisch vorkommt. Dabei zeigte sich, dass selbst die Hinzufügung kleiner Elemente und Ablenkungen eine Situation sofort viel komplexer und anstrengender machen konnte. So konnte ein weiterer Kursteilnehmer, der mit in die Situation kam und fragen stellte, einen ganz schön ins schwitzen bringen.

Auch hier zeigten sich starke Parallelen zum Krav-Maga-Training: Eine neue Technik zu lernen ist relativ einfach, sie auch nur im Sparring erfolgreich einsetzen zu können ist schon deutlich schwieriger. Ähnlich war es hier. Die Abläufe saßen gut genug, um sie fehlerfrei durchführen zu können, aber allein nebenbei jemandem zu erklären, welche Informationen er in seinem Notruf weitergeben sollte, stellte die Teilnehmer noch vor große Schwierigkeiten.


Regelmäßige Wiederholung

Der Weg dahin, das Gelernte auch in komplexeren Situationen anwenden zu können, sollte niemanden, der unser Krav-Maga-Training kennt überraschen: Regelmäßige Wiederholung, immer wieder üben, üben und wieder üben, Abläufe nochmals und nochmals durchzugehen. Ab Januar werden wir daher den Seminarteilnehmer anbieten, ein mal im Monat ein kurzes Auffrischungstraining durchzuführen. Ich bin gespannt, wie viele daran teilnehmen werden.

Insgesamt war das Seminar für alle Teilnehmer ein großer Gewinn. Der Wissenszuwachs war, insbesondere für ein nur eintägiges Seminar, immens, das Training so gestaltet, dass alle mit dem Gefühl nach hause gehen konnten, das gelernte tatsächlich anwenden zu können. Aber insbesondere der Referent verdient an dieser Stelle nochmal eine besondere Erwähnung. Carsten Dombrowski zeigte sich nicht nur als absolute Koryphäe der Ersten Hilfe heraus, als jemand, der einfach ein unglaubliches Wissen zu einem Thema angesammelt hat, sondern auch als begeisterter Vermittler von Wissen. Seine Erklärungen waren immer klar, die Beispiele eindrücklich und sein Training sehr engagiert – sein Enthusiasmus für Erste Hilfe konnte einen nur anstecken.

Besonderer Dank gilt also ihm für ein wirklich besonderes Seminar! Ein Dank auch an die Firma Wero GmbH und CoKg für die Unterstützung mit Material.

Bis zum nächsten mal.


Christoph Beckmann


Christoph Beckmann

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